»Es lag eine Vibration in der Luft.«

Ein Gastbeitrag von Petra Mattheis und Sascha Nau über die Buchkinder Leipzig. Im Rahmen des Projektes Wunderwesten sprachen sie im April 2014 mit Birgit Schulze Wehninck und Sven Riemer über die Buchkindermethode und wie wichtig es ist, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

Bei den Buchkindern entwickeln Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 18 Jahren seit 2001 ihre Geschichten zu eigenen Büchern.

Erwachsene stehen ihnen dabei als gleichberechtigte Partner unterstützend zur Seite, mit denen sie ihre Ideen besprechen und die ihnen bei deren Realisierung helfen. 2013 sind die Buchkinder in den Leipziger Westen zurückgekehrt. Im selben Jahr wurde auch der erste Buchkindergarten eröffnet. Das Buchkinder-Netzwerk besteht mittlerweile aus 14 Werkstätten, die bundesweit zu finden sind.

Wir haben Birgit Schulze Wehninck und Sven Riemer besucht – die beiden sind Vorstand des Buchkinder Leipzig e.V. – sprachen über die Buchkindermethode und wie wichtig es ist, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen.

@regentaucher.com
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Wie seid ihr nach Leipzig gekommen?
Birgit: Ganz unterschiedlich. Ich kam 1996 über meine erste Arbeitsstelle nach Leipzig. Die Stadt hatte ich über eine Freundin kennengelernt, die mich auf diese Stelle aufmerksam gemacht hat. Mich hat die Stadt wirklich überwältigt, in deren leerstehende Gründerzeithäuser man damals noch hineingehen und viele Dinge entdecken konnte. Wenn ich hier auch arbeiten kann, dachte ich, dann bleibe ich hier.

Als was hast du gearbeitet?
Birgit: Als Landschaftsarchitektin. Das tolle an der Stadt war, dass man sich so schnell zuhause fühlt, dass es viele Identifikationspunkte gab, deren Veränderungen man direkt miterlebte. Bereits innerhalb weniger Monate wurden diese Veränderungen sichtbar. Der Gemüseladen um die Ecke war gerade noch da und ein halbes Jahr später gab es eine andere Nutzung. Im Vergleich zu anderen Städten habe ich mich mit Leipzig viel stärker identifizieren können, hatte das Gefühl, an der Entwicklung teilhaben zu können und auch zu wollen. Und das ist das, was ich immer noch so spannend an dieser Stadt finde. Ich kann mitgestalten und eigene Spuren hinterlassen.

Sind diese Spuren auch die Geschichten, die erzählt werden?
Birgit: Geschichte erlebt man in einer Stadt mittelbar oder unmittelbar. Wenn ich die Veränderung eines Stadtteils miterlebe, kann ich dazu eine eigene Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die auch diesen Kommentar braucht, weil sie sich im Außen nicht mehr abbildet. Wenn ich die Stadt einem Freund erklären möchte, braucht es die Erzählung. Diese Stadt ist voll davon. Diese ganze alte Bausubstanz, dieses Unfertige hat einfach dazu eingeladen, es zu vollenden oder weiterzuentwickeln. Diese unfertigen Gebäude und Plätze sind Anfänge von Geschichten, die man sich im Kopf weiterdenken kann. Irgendwann gehen diese Gedanken schließlich in das eigene Handeln über.

Hast du als Landschaftsarchitektin in der Stadt gearbeitet?
Birgit: Ja, ich war in vielen Stadtteilen unterwegs und habe Plätze gestaltet. Stadtplätze, Spielplätze, was man so schafft in einem Jahr. Dadurch habe ich die Stadt auch sehr gut kennengelernt. Allerdings reibt man sich als Landschaftsarchitekten durch die langen Behördenwege und Entscheidungsstrukturen auch auf, die gedankliche Vorarbeit kommt nicht in die Umsetzung oder nur über lange Umwege. Das war für mich unbefriedigend.

Andererseits war sehr viel Bewegung in der Stadt, die Räume noch unfertig und die Strukturen noch nicht so gefestigt wie in westlichen Städten. Es gab politisch überall Anknüpfungspunkte und Keimzellen und Möglichkeiten sich einzubringen. Pioniergeiststimmung. Unternehmenslust. Direkt nach dem Studium hatte ich die gruselige Vorstellung, Volkshochschulkurse besuchen zu müssen, um Menschen kennenzulernen. Es ist oft schwierig von aussen in Situationen hinein zu kommen, in denen die anderen schon gesettelt sind, sich selbst genügen in ihren Mikrokosmen. Ich musste dann nicht in die VHS, es war hier einfach eine andere Stimmung.

»Ich habe in der Wendezeit, wie viele andere, daran geglaubt, hier Gesellschaftsmodelle ausprobieren zu können.«

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Und du meinst, dass Leipzig eine Ausnahme ist?
Birgit: Nein, ich würde das nicht nur auf Leipzig beziehen. Das war einfach die damalige Situation in einer besonderen Zeit. Es gab viele Menschen, die hierher kamen, um zu arbeiten. Entweder, weil sie eine Anstellung fanden oder weil sie neugierig auf diese Stadt waren. Es gab viel geistige, innere Bewegung und entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten, Dinge zu unternehmen und sich darüber auch auszutauschen. Und das ist auch heute noch geblieben, aber die Situation ist eine andere als früher. 1996, sieben Jahre nach der Wende, war dieser Geist noch deutlicher spürbar. Es gab Bildungsbewegungen, freie Kindergärten, Schulgründungen, die Umweltbibliothek in der Nachwendezeit, später die Fragen zum Umgang mit der alten Bausubstanz, dem Leerstand und den Brachen in dieser Stadt, es sind Initiativen entstanden wie Haushalten e.V. und die Nachbarschaftsgärten. Mit der Aneignung von Flächen entstand auch der Begriff der „legalen Hausbesetzung“.

Ich habe in der Wendezeit, wie viele andere, daran geglaubt, hier Gesellschaftsmodelle ausprobieren zu können. Obwohl ich im Münsterland an der Holländischen Grenze aufgewachsen bin, habe ich mich mit Beginn meines Studiums 1989 auch sehr schnell mit der Entwicklungsmöglichkeit im Osten identifiziert. Es kam dann anders, als gedacht. Viele waren enttäuscht, dass das westliche Modell übergestülpt wurde. Aber trotzdem gibt es weiterhin viel Spielraum. Das hat die Atmosphäre der Stadt bestimmt und ich denke, das tut sie auch heute noch. Gerade auch hier im Westen von Leipzig.

Sven, wie kamst du nach Leipzig?
Sven: Den Blick auf Leipzig hat meine Frau gelenkt. Wir hatten uns in Oxford kennengelernt, wo ich Kunst studierte, und sie hatte einen Studienplatz in Leipzig. Als ich sie in Leipzig besuchte, war ich einfach hin- und weg. Ich bin in Dresden aufgewachsen und 1984 nach Wiesbaden gegangen, wo ich lange gelebt habe. Dort ist jeder Quadratmeter durchgeplant, besetzt und belegt. Während meines Studiums und der Beschäftigung mit Joseph Beuys waren viele Bilder gereift, die warteten umgesetzt zu werden. Und dann kam ich hier nach Leipzig und es erging mir wahrscheinlich ähnlich wie Birgit. Überall gab es dieses Spannungsfeld zwischen dem Vorhandenen und den Möglichkeiten. Es lag eine Vibration in der Luft.

Du lebst seit damals im Leipziger Westen. Birgit, du auch? Oder warst du auch in anderen Vierteln?
Birgit: Ich habe viele Stadtviertel ausprobiert.

Und wie hast du die Unterschiede erlebt?
Birgit: Es gibt große Unterschiede. Ich war in Connewitz, in der Südvorstadt, auch in Gohlis habe ich gewohnt. In Gohlis hatte ich eine ganz tolle Wohnung. 240 m2.

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»Man begegnet vielfältigen Nutzungs- und Lebenskonzepten in diesem auch von Armut geprägten, industriell überformten Stadtteil.«

Hatten wir auch, das war vielleicht die Gleiche. (Gelächter)
Birgit: Da gab es einen geräumigen gusseisernen Aufzug. Da fühlte man sich wie in einem Miss Marple Film. Es stand eine Sitzbank darin, die mit Kunstleder bezogen war. Es gab französische Balkone, Flügeltüren, den Charme des Gepflegten aber doch schon Gealterten. Noch gar nicht totsaniert. Das war toll. Aber weil die Wohnungen dort so prächtig sind, mit ihren großen Gärten, sind es oftmals Enklaven. Auf der Straße selbst passiert eigentlich gar nichts. Ein ganz feiner Stadtteil, schöne Bausubstanz, aber sehr hochherrschaftlich, elitär, distanziert. Das ist natürlich in der Südvorstadt anders und in Connewitz ohnehin. Und hier im Westen ist es immer noch sehr durchmischt: man begegnet dem Stadthausbauer ebenso wie den Experimenten und vielfältigen Nutzungs- und Lebenskonzepten in diesem aber auch von Armut geprägten, industriell überformten Stadtteil.

Und wie kamt ihr zu den Buchkindern?
Birgit: Ich kam etwa zweieinhalb Jahre nach der Gründung dazu. Meine Arbeit als Landschaftsarchitektin hat mich geprägt, aber ich stieß auch an Grenzen der Gestaltungsmöglichkeiten. Ich war in größeren Planungszusammenhängen unterwegs, mit dem Anliegen Stadtentwicklung und Landschaftsplanung umsetzen zu wollen. Diese Prozesse waren mir aber zu langatmig und zu bürokratisch. Ich wollte mit meiner Herzenslust direkter wirken, die Konsequenzen meines Handelns unmittelbarer spüren und habe diese Möglichkeit bei den Buchkindern gesehen. Das war 2003.

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Bis zum nächsten Bohei & Tamtam sind
es noch …

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